Mein Jahr in Brasilien

 Oi Brasil, tchau Alemanha

31. Juli 2009

 

Endlich bin ich völlig übermüdet in meiner neuen Heimat angekommen. Brasilien. Genauer gesagt Palmas war jetzt mein neues Zuhause. Schon zwei Stunden zuvor in Brasilia am Flughafen habe ich die brasilianische Hitze zu spüren bekommen. Aber jetzt, hier in der zweitheißesten Stadt Brasiliens, dachte ich, mich trifft der Schlag. Meine ältesten Gastschwestern, eine Freundin und meine Betreuerin hatten mich herzlich am Flughafen empfangen und mir erst einmal meine Jacke ausgezogen, die ich im klimatisierten Flugzeug anhatte. Kaum aus dem Flughafen, bekam ich das brasilianische Leben und seine Gastfreundschaft zu Gesicht. Unangeschnallt Autofahren, Cupuaçu trinken (an dessen modrigen Geschmack ich mich immer noch nicht gewöhnt habe), mit vier Leuten in einem Zimmer schlafen, obwohl das Haus für jeden einzelnen ein Zimmer bieten würde oder mitten in der Nacht gefragt wurden, ob ich nicht Lust auf Disco hätte und das nach 30 Stunden auf den Beinen.

2. August

Meine Gastschwester weckte mich und so stand mein erster Schultag auf der Matte. Ich packte also meine Sachen und machte mich bei 30 Grad auf meinen 25-minütigen Schulweg. Dort angekommen traf ich auf einen weiteren Deutschen, der mit mir in Palmas angekommen war und auf vier putzige Thailänder, die schon die Hälfte ihres Auslandsjahres um hatten. Diese wurden dann erstmal mit einem Haufen Fragen durchlöchert, bis der Schulgong klingelte. Hier war ich also. Auf einer brasilianischen, öffentlichen Ganztagsschule (7:00-17:00 Uhr) mit wenig portugiesischen Sprachkenntnissen, dafür schon zur Mittagspause mit einem Haufen "Freunde". Fast jeder der ca. 400 Schüler kannte meinen Namen und hat mich schon von weitem mit einem freunlichen "Bom dia" begrüßt.

25. August

Kaum vier Wochen hier und schon wurde mein Geburtstag gefeiert. Ein Geburtstag sieht hier allerdings anders aus. Glückwünsche und Geschenke werden erst abends empfangen. Also wachte ich auf und packte die Geschenke meiner Eltern zusammen mit meinen Gastschwestern aus und machte mich mit einer ordentlichen Portion Heimweh auf den Schulweg. In der ersten Stunde stand Physik auf dem Stundenplan, und es wurde zum ersten Mal Parabéns (Alles Gute) gesungen. Das zweite Mal war in der Mittagspause, als dann fast die ganze Schule sang und das dritte Mal kurz vor dem Nachmittagsunterricht, als mich ein paar Freunde mit einem Kuchen überraschten. Meine Laune stieg von Stunde zu Stunde und abends fand dann sogar eine kleine Feier in meinem Haus statt. Circa 20 Leute sind vorbei gekommen, ich bekam Geschenke und Glückwünsche, wir aßen Pizza und Kuchen, den meine Gastmutter gebacken hatte. Als ich anschließend den Tag hab passieren lassen, hätte er nicht besser sein können. Meinen 16. Geburtstag werde ich auf alle Fälle niemals vergessen.

4. - 6. Oktober -ein brasilianisches Wochenende

Brasilianische Jugendliche (bzw. Brasilianer generell) blühen erst abends richtig auf. Am Freitag kamen ein paar Freunde vorbei. Das Haus meiner Gastfamilie (3 Gastschwestern 17, 15, 9 und Gastmutter) ist immer gut besucht. Wir haben erst eine Kleinigkeit gekocht, anschließend Billard und Truco gespielt. Truco ist ein Kartenspiel, das hier bei allen Altersklassen total begehrt ist. Zu späterer Stunde landeten fast alle im hauseigenen Pool, bis sich gegen 2:00 Uhr die ersten auf den Weg nach Hause machen.

Samstag wurde ausgeschlafen und es ging mit meiner Klasse in einen sogenannten Club. Hier wird geschwommen, Fussball gespielt oder ein Churrasco gemacht. (Churrasco=Grillen)

Abends gings zum großen Praça (Platz) in der Stadt, wo ich mit meiner Gastschwester und meiner Gastmutter gejoggt bin. Praça ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Sachen der Brasilianer. Hier treffen sich einfach alle.

Nach dem Joggen, gegen 21:00 Uhr war der Tag natürlich noch nicht beendet.

Wir fünf aus dem reinen Frauenhaushalt haben geduscht und uns auf den Weg zu einer Feier der Arbeit meiner Gastmutter gemacht. Selbstverständlich gings in schicken Kleidern und hohen Schuhen auf die Tanzfläche, wo zu Sertaneja (brasilianischer Countrymusik) "Forro" getanzt wurde. Schüchtern wie ich war, saß ich noch mit meiner Gastmutter am Tisch, doch sie hat mir schnellstens einen Brasilianer besorgt und mich auf die Tanzfläche befördert. Es wurde vom riesigen Buffet gegessen, wo die Brasilianer besonders auf die Süßigkeiten stehen.

Gegen fünf Uhr morgens durfte ich mich dann endlich in mein Bett fallen lassen. Der Sonntag war dann ausnahmsweise mal ganz ruhig. Wir haben, wie so oft sonntags, einen Film ausgeliehen und anschließend ein Eis gegessen.

17. Januar

Vor genau drei Tagen hatte ich Bergfest, Halbzeit, oder was auch immer. Obwohl ich noch über fünf Monate hier verbringen werde, kommt es mir vor, als rennt mir die Zeit weg. Das letzte halbe Jahr war voller Erlebnisse und Erfahrungen, die einfach zu schnell vorbeigingen. Vor allem der letzte Monat war super. Hätte ich keine Kamera, um all die tollen Moment festzuhalten, würde ich wahrscheinlich die Sicht ueber Rio de Janeiro beschreiben, die mich immer noch begeistert. Der letzte Monat war Ferien pur. Über drei Wochen habe ich in São Paulo beim Gastvater verbracht. Kurz nach Weihnachten gings für zehn Tage nach Rio de Janeiro zur Tante. Auch Weihnachten hat mir super gefallen, und die Weihnachtszeit, war durch die ganze Reiserei und ständige Ablenkung klasse. Silvester hatte ich das Glück, mir das Feuerwerk der berühmten Copacabana ansehen zu dürfen. Gestern bin ich wieder in Palmas angekommen und habe mich sogar wieder "Zuhause gefühlt". Nächste Woche gehts wieder zur Schule.

11. März

Mitte Februar erlebte ich einen verrückten Karneval, der am See meiner Stadt stattfindet. In Brasilien gibt es viele Arten von Karneval und zwar nicht so, wie man ihn aus Rio de Janeiro kennt. Zum Karneval meiner Stadt kamen ein paar berühmte brasilianische Bands, die auf Wagen einen Umzug über den Platz machten. So verwandelte sich der riesige Platz in eine Freiraumdisco.

Etwas Wichtiges hat sich seit Ende der Ferien noch verändert: meine Schule. Aus einer normalen öffentlichen Schule wurde plötzlich eine Militärsschule, die in anderen Bundesstaaten schon sehr bekannt war. Da mein Bundesstaat mit nur 20 Jahren der jüngste ist, führte man erst jetzt diese Schule ein. Sie hat einen sehr guten Ruf, da mehr Wert auf Respekt und Disziplin gelegt wird. Es war nicht nur für mich eine riesige Umstellung, sondern auch für alle anderen. Eine neue Uniform, neue Regeln und Disziplin standen plötzlich auf dem Programm, an das brasilianische Jugendliche normalerweise nicht gewöhnt sind.

Einerseits gefiel mir die Veränderung sehr gut, da der Unterricht organisierter war und es mehr Sportangebote gab. Andererseits mussten wir oft morgens in Reihe und Glied stehen und auch bei 35°C die Nationalhymne singen und marschieren.

Jetzt, wo es langsam aufs Ende steuert, geht das Auslandsjahr erst richtig los. Man ist in einem festen Freundeskreis, spricht die Sprache, und wird einfach brasilianisch, wie es meine Gastschwester eines Abends zu mir sagte.

3. Mai

Dieses Wochenende verbrachte ich bei meiner Gastoma auf der Farm. Da das Innere Brasiliens viel günstiges Land bietet, haben viele Familien eine kleine Farm.

Dort verbrachte ich mit Freunden und Familie ein spannendes Wochenende. Ich angelte, lernte Luftgewehr schießen, traute mich nach Jahren wieder auf ein Pferd und aß eine Menge neue Früchte, an denen es in Brasilien nicht fehlt. Sonntags ging es zu meiner Gastoma aufs Dorf. Das Dorf war eine 300-Seelengemeinde und es gab wirklich nicht mehr als einen Supermarkt. Zum Glück war noch ein Ausflug zu Palmas Wasserfällen geplant. Nach einem einstündigen Fußmarsch durch den Amazonaswald kamen wir endlich an den 70 Meter langen Fällen an. Sie sahen atemberaubend aus und man bekam eine ordentliche Brise ab, da das Wasser mit viel Wind aufgewirbelt wird.

Heute war ich dann wieder in der Schule und übte mich am Capoeira, einem brasilianischen Kampf, der tänzerisch getarnt ist, und von afrikanischen Sklaven nach Brasilien gebracht wurde.

25. Juni -Time to say goodbye-

Gestern war meine Abschiedsfeier, ganz im brasilianischen Stil. Dort habe ich mich dann auch von den meisten verabschiedet. Jetzt sind noch ein paar Freunde da, und wir lassen den Abend, bzw. das Jahr ausklingen. Meine kleinste Gastschwester kann nicht verstehen, warum ich zurückfliege und auch ansonsten herrscht eine gedrückte Stimmung. Der Abschied wird tränenreich, doch trotzdem hat sich das Jahr gelohnt.

Dinge, wie drei Mal am Tag duschen, mit neun Leuten in einem Auto fahren, jeden Tag Reis mit Bohnen essen, Schokoladenpizza sowie Unpünktlichkeit sind heute zu meiner Normalität geworden. Es war nicht immer einfach sich einigen Dingen anzupassen, doch es lohnt sich, und man wird respektiert. Jede meiner zwei Heimaten hat seine Vor- und Nachteile. Sachen, die mir anfangs falsch vorkamen erwiesen sich einfach nur als anders. Heimweh geht vorüber und man hat einfach schon so viele Menschen hier ins Herz geschlossen, die möchte man nach so einer kurzen Zeit nicht mehr missen.

Ina Esslinger